Facepalm: erst das Handelsblatt, jetzt die Piraten

von dermusikpartisane

“Künstler, hört die Signale”: klingt das nicht nach einem bekannten Ohrenbluter? Richtig: “die Internationale“. Diese Klangfräse wurde an einem Sonntagmorgen im Jahr 1888 von einem Belgier namens Pierre De Geyter auf dem Harmonium zusammengeschraubt und diente fortan der internationalen Arbeiterbewegung als Hymne. Auf den ersten Notenblättern, die an die Arbeiter verteilt wurden, war nur der Name De Geyter als Urheber vermerkt, um ihn vor Repressalien seines Arbeitgebers zu schützen. Es half nichts, er wurde entlassen und lebte seitdem in armen Verhältnissen. Als das Lied immer populärer wurde, kam sein Bruder Adolphe, der den gleichen Nachnamen trug, auf die geniale Idee, das Urheberrecht an dem Lied für sich selbst zu beanspruchen. Pierre kämpfte um seine Rechte, verlor, und bekam sie erst viele Jahre später zuerkannt, nachdem sein Bruder sich 1916 erhing und in einem Abschiedsbrief seinen Betrug gestand.

“Künstler, hört die Signale!”, so bewarb das Handelsblatt ihre aufgepimpte Osterausgabe vom 5. April 2012: “Mein K©pf gehört mir!“. Das soll heißen: Vorsicht, hier droht eine neue Form der Enteignung, und wenn ihr nicht aufpasst, liebe Künstler, dann droht euch Zwangskollektivierung und den Verfechtern des “geistigen Eigentums” der digitale Gulag. “100 Schriftsteller, Sänger, Künstler, Werber, Softwareentwickler und Unternehmer” adressierten ihren Protest teils direkt an die Piratenpartei (inzwischen ist die Liste auf 160 Statements zum Urheberrecht angewachsen). Der übliche Shitstorm folgte auf dem Fuß: wenig naturschlau und von mangelnder Kenntnis der Positionen der Piratenpartei, was die “Kreativen” da behaupten, so Bruno Kramm,  der Captain Sparrow der Musikpiraten. Von den sogenannten “Kreativen” sind nur 26 Künstler, hingegen 47 Manager, rechnete Marcel Weiss vor: na klar, die Kulturindustrie schiebt ein paar in dunklen Verwerterkerkern einsitzende Künstler vor, deren Augen sich nach Jahren der geistigen Leibeigenschaft noch nicht an das Licht der digitalen Freiheit gewöhnt haben, während die friedhofsblonden Verwerter in den oberen Etagen aus den Totenschädeln ihrer verhungerten Urheber Champagner schlürfen und auf ihre alten Geschäftsmodelle anstoßen. Interessanter ist der Blick auf die unausgesprochene aber mitschwingende Botschaft: die Elite der deutschen Kulturschaffenden steht an der Seite der Verwerter und ist sich bei der Verteidigung des Urheberrechts einig.

Diesen Bitchmove des Handelsblatts (und damit Gruner + Jahr) konnte die Piratenpartei nicht auf sich ruhen lassen: 101 Piraten antworteten mit einer eigenen Kampagne, in der sie sich für ein neues Urheberrecht aussprachen. Auffällig: von den 101 Piraten geben viele an, selber Urheber zu sein. Auch hier ist die versteckte Message klar: schaut, auch die Piratenpartei ist voller Künstler, wir verstehen euch doch, liebe Kreative! Aber wie viele von diesen selbsternannten Urhebern sind wirklich Künstler und nicht nur Software-Entwickler, wie viele leben von ihrer Kunst und betreiben es nicht nur als ein Hobby nebenbei? Gehen wir die Liste durch:

Auf Platz 7 finden wir Bernd Fachinger: er ist der Meinung, das Musik kostenlos sein muss. Daher brauchen wir das bedingungslose Grundeinkommen, denn von irgendwas müssen die Musiker ja leben. Er ist ein ordentlicher Drummer, nur sollte er vielleicht mal einen Dachbodenprogrammierer der Piraten bitten, für umme das steinzeitliche Homepage-Design seiner Band “the fridge” auf den aktuellen Stand zu bringen, ich meine so richtig zweinullig mit RSS-Feed, Facebook Widget und Twitter Stream. Ob er Urheber ist, wird nicht wirklich klar, genauso wenig wie er die Urheberschaft al Qaidas an den Terroranschlägen vom 11. September 2001 für erwiesen hält. Hörprobe (“all togethähähä”):

Auf Platz 10 Elle Nerdinger: sie ist Digitalkünstlerin, Vieltwitterin und hat irgendwas mit Forschungstorte zu tun, aber auch nach einer Viertelstunde googlen ist nicht wirklich klar, was für Kunst sie eigentlich produziert. Ich dachte immer, Künstler hätten in unserer Aufmerksamkeitsökonomie nur wenige Minute Zeit, um uns von ihrer Arbeit zu überzeugen. Elle: ich gab dir 15 Minuten und fand nichts!

Florian Schäfer auf Platz 20 behauptet von sich, neben anderem auch Dichter zu sein. Mit folgendem Gedicht befindet er sich zumindest auf Augenhöhe mit deutschen Nobelpreisträgern:

Ich dummer, habe Liebeskummer.
Nein, nicht das erste mal, aber auch nicht ganz egal.
Doch was soll ich nur tun? Ich liebe sie!

Bei der ersten Begegnung wusste ich:
Die lässt du besser nicht im Stich.
Sie ist ohne Zweifel besonders.

Meine Freunde würden nur lachen;
Doch die verstehen nicht diese Sachen.
Mit ihr ist es ernst!

Da habe ich mich so gefreut und gleich wieder bereut.
Ich habe ihr ein Geschenk gemacht, gleichzeitig an sie gedacht.
Wie soll ich ihr meine Gefühle zeigen?

Ich will nichts sagen, würde verzagen.
Ich will sie nicht hetzen, auch nicht verletzen.
Doch was soll ich nur tun? Ich liebe sie!

Bruno Kramm auf Platz 27: Aufatmen, der erste echte Musiker, Komponist und Labelinhaber. Captain Jack Sparrow hat bisher den USP, der einzige Pirat zu sein, der auch wirklich hauptberuflich von Musik lebt. Professionelle Webpräsenz, interessante Gothic Musik: Respect!

Fritz Effenberger (Platz 28) behauptet von sich, selber Urheber zu sein, denn schließlich ist er ja Journalist. Als echter Wikiwisser weiß er, wie Musiker mit kostenloser Musik im Netz Geld verdienen können, wie er in diesem Blogpost darlegt. Er muss monatelang in Musikerkreisen recherchiert haben, um zu diesen uns bisher verborgen gebliebenen Erkenntnissen gelangt zu sein. Ein neuer Maßstab für journalistische Schöpfungshöhe.

Frank Christian Stoffel (Platz 33) produziert unter dem Namen “Das blaue Monster” Lagerschadenmusik, betreibt das Netlabel “Der kleine grüne Würfel” und ist der Meinung, dass Künstler kein Geld brauchen, denn nach Maslow’s Bedürfnispyramide ist das höchste Streben des Musikers das nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Leider übersieht er, dass das Streben nach Anerkennung bei Maslow auf der 4. Stufe der Individualbedürfnisse angesiedelt ist und danach die 5. höchste Stufe der Selbstverwirklichung folgt: Individualität, Talententfaltung, Perfektion, Erleuchtung, Selbstverbesserung. Spreche ich nur von mir, oder wer mag Künstler, die nur meine Anerkennung und Aufmerksamkeit wollen, aber wenig Individualität, Talent und Perfektion zu bieten haben?

Andreas Wagner (Platz 35) betreibt so eine Art Muschimusik-Label, das auf den Namen Bevision hört: ist irgendwie alles ganz nett und völlig nichtssagend – hört das jemand?

Andreas Rüßel (Platz 37) sagt, er wäre Gitarrist, allerdings findet man über ihn nur ein Profil auf einer Fotocommunity im Netz. Ob er Ahnung hat von dem, was er tut, fragt er sich dort, und antwortet: ich weiß es nicht…

Benjamin Ißleib (Platz 51) ist Schüler und betreibt das Maniac Lab Musikstudio, spezialisiert auf extreme Metal Musik. Ob er selber auch urhebt, konnte nicht ermittelt werden, die Klangsplitterbomben aus seinem Studio klingen zumindest br00tal:

Michael Rudolf (Platz 65) ist Softwareentwickler und Urheber, wie er sagt – vermutlich meint er seine Urheberschaft an Software.

Bernd Juchems (Platz 66) spielt Bass in der Band Hanna Shedo. Mensch, Bernd, haben irgendwelche script kiddies eure Homepage defaced, um zu demonstrieren, wie man potenzielle Fans mit gestrigem Design von seiner Seite vertreibt?

Über Frank Sommer (Platz 76) lässt sich eigentlich gar nichts zu seiner Urheberschaft und seiner Musik herausfinden, irgendwie schade, dass die ganzen freibeuterischen Urheber so gar nicht im Netz vorkommen.

Die kompositorischen Tätigkeiten des Alexander Kluth auf Platz 77 sind ebenso wenig zu ermitteln. Ist es der Hartmut, der bloggt oder doch der Alexander, der Filme schneidet?

RaZatol (Platz 83) ist Rapper und mal wieder ein naiv-netter Lichtblick:

Dann gibt es noch Patrick Schiffer (Platz 96), der auch Musiker ist, ohne das irgendwas näheres im Netz zu finden wäre.

Das wars. Ich komme bei großem Wohlwollen auf 15 Künstler, von denen man vielleicht zwei oder drei als Urheber mehr als ein semiprofessionelles Niveau zugestehen kann. Noch erschreckender: die Kreativen bei den Piraten haben keine Ahnung, wie eine moderne Präsentation im Netz aussieht. Wie appless ist das denn? Aber es gibt viele schlaue Ratschläge an Künstler und Halbwissen über Gema, Urheberrecht und Musikindustrie, dass locker die trübe Suppe des Handelsblatt in den Schatten stellt. Niveaulimbo! Und ihr wundert euch, dass die Künstler euch alle missverstehen.

Übrigens: Pierre De Geyter bezog bis zu seinem Tod 1932 so eine Art Prekariats-Flatrate von Stalin als Dank für sein tolles Liedchen, das 1917 zur Nationalhymne der Sowjetunion wurde, ohne dass die Sowjets den Komponisten kannten. Da die Sowjetunion keine internationalen Urheberrechtsabkommen unterhielten, speiste man De Geyter 1926, als man ihn endlich als Urheber ermittelt hatte, mit einer kläglichen Pension ab. Trotzdem starb er in Armut. Halten wir fest: De Geyter wurde doppelt gefickt: erst von seinem Bruder Adolphe, respektive von Gustave Delory, dem damaligen sozialistischen Bürgermeister seines Heimatstädtchens Lille, der den Bruder überredete, die Urheberschaft zu behaupten, dann von der kommunistischen Sowjetunion, die seine Musik als Nationalhymne einsetze, ohne ihn dafür angemessen zu kompensieren. “Künstler, hört die Signale!”. Von einem dritten bitchmove bezüglich seiner Rechte bekam Pierre De Geyter nichts mehr mit, da er schon lange tot war: in den 1970er Jahren erwarb der deutsche Schlagerpapst Hans R. Beyerlein, Erfinder des “Grand Prix der Volksmusik”, für läppische 12500 US Dollar die internationalen Rechte an der “Internationalen” und bekam fortan von der DDR jedes Jahr 100000 DM auf sein Konto überwiesen für das Abspielen der Hymne auf sozialistischen Feindesland. Verwerter: du kannst dir niemals sicher sein!

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