GEMAlicious: Eure Diskos sind unsere Tarife!

von dermusikpartisane

Der Musikpartisane ist wütend. So was von. Die Ninja-Looter von GEMA und DEHOGA – geschenkt. Ihr Künstler seid das Problem. Ihr seid die Lowbobs in einem Spiel, das zu groß für euch ist. Weil ihr es nicht strahlen werdet. Und wenn ihr es strahlt, habt ihr aufgehört, Künstler zu sein. Dann seid ihr Statistiker, Tarif-Versteher, Aufsichtsrat-Wähler. Darum bekämpft ihr das System. Oder geht euren Weg durch die Institutionen. Am Ende bleibt ihr nützliche Idioten. Knechte mit der Hoffnung auf ein bisschen Fame.

Der Musikpartisane ist wütend. Weil der Bundesverband der Musikveranstalter und die GEMA keinen vernünftigen Tarifstreit austragen können. Player versus Player. Seine Forderungen auf den Tisch legen und sich in der Mitte treffen. Aber der Bundesverband der Musikveranstalter, der vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA dominiert wird, will größer spielen. Es geht um neue Tarife für Tanzveranstaltungen. Die GEMA wurde lange für ihr undurchsichtiges Tarifsystem kritisiert. Kein Veranstalter blickte durch. Die größeren Diskotheken, die im DEHOGA organisiert waren, haben Rabatte bekommen, wussten, wie sie sich die günstigsten Tarife holen. Die Gimps unter den Diskothekenbetreibern zahlten teilweise Tausende Euro zu viel. Jetzt soll alles gerechter werden. Tariflinearisierung in GEMAspeak. Angeblich wurde 5 Jahre darüber geredet, Anfang 2012 legte die GEMA ihren jetzigen Vorschlag auf den Tisch, im März stieg der DEHOGA aus den Verhandlungen aus.

Der Musikpartisane ist wütend. Weil der DEHOGA ein Bitchmover ist. Remember: 7% Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen von der FDP als Wahlkampfgeschenk 2009? Nur um mal die Relationen klar zu kriegen: der DEHOGA repräsentiert Gastgewerbe mit einem Nettojahresumsatz von 65,3 Milliarden Euro. Die GEMA nahm über ihre Bezirksdirektionen 2011 etwas mehr als 300 Millionen Euro ein, wovon nur ein kleiner Anteil aus der Gastgewerbe- und Hotelbranche generiert wurde. Aber der DEHOGA muss ja was für sein Image tun, sind doch die Mitgliedsbeiträge hoch und die Vergabe von Hotelsternen so unsexy, dass man mit einem Deathmatch gegen die GEMA auch mal bei den Diskothekenbetreibern punkten kann. Die Sympathien der Öffentlichkeit sind dem DEHOGA garantiert, denn das Image der GEMA ist ja schon seit langem wie Arsch und Friedrich. Politiker werden bearbeitet, die Kunstrasenbewegung unter dem Motto “Kultur Retten” ausgerollt, von Großveranstaltern Petitionen verfasst und frisch geturft springt die Berliner Club-Szene der Protestfront bei und ruft  zur Demo gegen “GEMAinheiten” auf anlässlich des Mitgliederfestes der GEMA im Berliner Frannz-Club.

Der Musikpartisane ist noch wütender, seitdem er versucht hat, seine eigenen Tarifberechnungen anzustellen. In der SZ schreibt Jens-Christian Rabe, dass er mit dem Tarifrechner der GEMA auf eine Steigerung von 500% für einen mittleren Club kommt. Fair enough, befragen wir also den Tarifrechner der GEMA. Zuerst der alte Tarif M-U (III 1c): wir geben in den Online Rechner eine Diskothek mit einer Fläche von 300 qm und einer Tanzfläche ein, in der überwiegend Tonträger gespielt werden und gehen von 16 Veranstaltungstagen im Monat aus. Der Rechner spuckt einen Betrag von 6.708,91 € bei einem Jahresvertrag aus, der sogar noch bei Mitgliedschaft bei einem Vertragspartner (etwa der DEHOGA) einen Nachlass erfahren könnte. Das ist um einiges weniger als die 8.000 bis 10.000 € jährlich, von der die SZ schreibt. However, der neue Tarif für einen Diskothekenbesitzer ab nächsten Jahr heißt M-V und gilt für “Unterhaltungs- und Tanzmusik mit Tonträgerwiedergabe mit Veranstaltungscharakter”, wie hier von der GEMA angekündigt. Aber warte: momentan gibt es einen Tarifrechner nur für den Tarif U-V, der für “Aufführungen mit Unterhaltungs- und Tanzmusik mit Musikern” gilt, also eben nicht für Diskotheken (für den Tarif M-V ist ein Tarifrechner angekündigt). Nun ja, ein Blick in die Tabellen der beiden Tarife U-V und M-V verrät, dass die Vergütungssätze eigentlich identisch sind, also schmeißen wir den falschen Tarifrechner an. Bei 300 qm und einem Eintrittspreis von 10 € kommen wir auf eine Vergütung von 321,00 € pro Abend. Macht 5.136 € im Monat und 61.632 € im Jahr. Muthafukka! Wieviel Prozent sind das denn jetzt, fast 1000? Arbeitet man sich durch das Datenblatt zum Tarif M-V, stößt man auf einen Nachlass von 10% bei Abschluss eines Jahresvertrages, aber auch auf die Keule von 50% Aufschlag bei einer Veranstaltungslänge von mehr als 5 Stunden, was wohl auf die meisten Diskos zutreffen dürfte. Der Musikpartisane hat an dieser Stelle schon längst aufgehört, seinen Tarif bis zum Ende durch zu rechnen.

Und genau darum seid ihr die Lowbobs in diesem Spiel, ihr Künstler. Denn wenn ihr GEMA-Mitglieder seid und stolz sagen wollt: “Wir sind die GEMA!”, dann müsst ihr erst einmal zum Tarif-Versteher werden und den Widerspruch erklären, warum für den genannten Club laut GEMA angeblich keine oder nur eine geringe Gebührenerhöhung anfällt, aber ein dazu auch noch falscher Tarifrechner exorbitante Steigerungen ermittelt. Ihr werdet euch Stockholm-artig vor die GEMA werfen und ganz zu Recht sagen, dass das doch erst ein Tarifvorschlag ist, der jetzt bei der Schiedsstelle des Patentamts liegt, dass es auch hier wieder Rabatte und Verbandsnachlässe geben wird, dass Härtefallnachlassregelungen bestehen und nach neuerlichen Verhandlungen alles nicht so schlimm sein wird. Eure Freunde werden euch in der Zwischenzeit mit weiteren “ungerechten” Einzelfällen belagern, die ihr zu verdeutschen versucht. Ihr werdet Tage damit verbringen, über die GEMA-Vermutung zu spekulieren, über die Tarifierung von Kleinveranstaltungen, DJ-Titellisten, Blackboxen in Diskos, statistischen Mittelwerten von Besucherzahlen und der Scheiß Öffentlichkeitsarbeit der GEMA. Während die anderen feiern, lernt ihr Tarife, schreibt in Foren und betreibt die Außenkommunikation, die eigentlich die GEMA erledigen müsste. Ihr versucht der Welt zu erklären, was selbst ein Journalist der SZ nicht strahlt. Nur die GEMA lässt euch damit alleine, denn für die GEMA besteht Kommunikation in Politbüro-artigen Pressekonferenzen oder PR-Desastern wie dem Interview der GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher mit der Berliner Zeitung. Die GEMA wird hölzerne Pressemitteilungen auf ihrer Webseite veröffentlichen, dumme Plakate kleben lassen und Tarifrechner online stellen, die gegen sie verwendet werden können. Oder sie wird einen der Künstler aus dem Aufsichtsrat an die PR-Front schicken, um den protestierenden Clubbern draußen vor eurem piefigem Mitgliederfest zu zeigen, was für ein cool-lässiger Verein ihr eigentlich seid. So sexy Leute wie Klaus Doldinger oder Frank Dostal, dem der Machthunger aus der Nase wächst. Oder Tobias Künzel von den Prinzen, der im Fernsehen schon mal darüber lamentiert, dass es ihn nervt online zu sein.

Aber ihr seit ja Aufsichtsrats-Wähler. Ihr könnt es ändern, in dem ihr undissbare Leute aus euren Reihen in den Aufsichtsrat wählt. Was sich bei der letzten Mitgliederversammlung auch eindeutig manifestierte: Der Aufsichtsrat der GEMA kam vor der Neuwahl im Juni 2012 ohne Stellvertreter auf ein Durchschnittsalter von 58,94 Jahren, das durch die Wahl des 73jährigen Komponisten Hartmut Westphal, der den weitaus jüngeren Christian Wilckens ersetzt, auf 60,54 Jahre stieg. Nimmt man die Stellvertreter hinzu, wird das Durchschnittsalter nur durch die Newcomerin Julia Neigel auf 60,20 Jahre nach unten korrigiert. Holy Moly! Mit dieser Mannschaft glühen die CPUs auf dem Weg in die digitale Zukunft. Versteht mich nicht falsch: Der Musikpartisane kotzt, wenn er die falsche Propaganda von der Bohlensteuer liest, wonach 5% der reichen stimmberechtigten Mitglieder angeblich den Kuchen der Gesamteinnahmen unter sich aufteilen. Der Musikpartisane kotzt aber auch, wenn er sich sagen lässt, dass man sich erst einmal 10 oder 15 Jahre durch die Gremien der GEMA glattschleifen lassen muss, um sich überhaupt für einen Posten im Aufsichtsrat zu qualifizieren. Das Regelwerk der GEMA ist ja so komplex, dass es den langen Gang durch die Institution bedarf. Am Ende scheißt diese Institution dann Egotaktiker wie den Schlagertexter Frank Dostal aus, der – wie man hört – gerne mal Anträge von seiner Textdichterkurie ablehnen lässt, die den von allen Komponisten wohl am schlechtesten gestellten jungen E-Musik-Komponisten zu gute kommen sollen. Oder Werbe- und Filmmusik-Komponisten, die sich nicht zu schade sind, sich in Partisanenkriegen um ihre Pfründe zu bekämpfen. Oder Filmmusik-Komponisten, die nicht die Eier haben, innerhalb der GEMA mal die werten Verleger zu dissen, die gegen die eigene Satzung der GEMA verstoßen, in dem sie weiterhin die sogenannte Zwangsinverlagnahme praktizieren. Aber da sitzen die Tarif-Versteher unter den Komponisten, vielleicht ein paar Hundert von 2400 ordentlichen Mitgliedern, eingekeilt von einer Handvoll von Textdichtern, die rumweinen, weil sie mehr Respekt wollen, und einer gefühlten Überzahl von Verlegern, von denen bei 520 ordentlichen Mitgliedern scheinbar fast alle treu aufgeschlagen sind, um für ihre Verwerterrechte zu kämpfen – sprich: weiterhin 40% Verlagsanteile an euren Verwertungsrechten zu kassieren und dafür bis auf wenige Ausnahmen so gut wie nichts zu tun.

Ihr seid die Lowbobs. Und der große Rest der GEMA-Mitglieder, denen Tarife völlig rille sind, wird nie zu einer Mitgliederversammlung gehen. Sie werden weiter Musik machen und ihre Tantiemen kassieren. Und sie werden nur unter vorgehaltener Hand sagen, dass sie Mitglied der GEMA sind. Und weil nur Tarif-Versteher und Aufsichtsrat-Wähler zur Mitgliederversammlung gehen, wird die PR der GEMA so scheiße bleiben wie sie ist. Darum wird der Aufsichtsrat so alt bleiben. Und darum wird die öffentliche Wahrnehmung der GEMA so desaströs bleiben.