Der Musikpartisane

Wir sind Musik. Wir sind Legion. Wir sind du. Wir sind nicht anonym. Rechnet mit uns.

Monat: Juni, 2012

Bruno Kramm, warum bist du eigentlich bei einem Major-Verlag?

Bruno, ich finde es toll, wie du dich gegen die Contentmafia der Gema und der Musikindustrie ins Zeug legst. Wie du Creative Commons und Crowdfunding propagierst und in die Öffentlichkeit trägst. Das du jetzt online auch für die FAZ schreibst, ist nur die logische Konsequenz. Deine neue Kolumne „Kramms Hits“ ist ein feine Sache: es wissen noch viel zu wenige, dass man im Netz auch legal Musik erhalten kann, alles ganz ohne Gema, wie du schön über deine Kolumne schreibst:

Sie präsentiert alle vierzehn Tage fünf legal erhältliche Musiktitel aus dem Internet. Und sie zeigt: Es geht auch ohne Gema.

Bruno, deswegen habe ich mich auch sehr auf die zweite Folge deiner Hits gefreut, die heute erschien. Ich wollte nur sagen, dass dir da ein paar Fehler unterlaufen sind. Du hast als „Urheberrechtsbeauftragter“ der Piraten natürlich viel zu tun, daher blieb dir sicherlich wenig Zeit, all deine „Hits“ auf Verunreinigungen durch Verwertungsgesellschaften oder Major-Labels hin zu überprüfen. Nur soviel: Amanda Palmer ist Mitglied der Verwertungsgesellschaft ASCAP (dem amerikanischen Pendant der Gema), genauso wie Zoe Keating, die du in der ersten Folge deiner „Hits“ empfohlen hast. Jay Fraser ist Mitglied in der australischen Verwertungsgesellschaft APRA. Und Andreas Weiss von der Band „The Rabid Whole“ in der kanadischen Verwertungsgesellschaft SOCAN. Ach ja, und die Band Xylos wird bei Lizenzanfragen von der Universal Music Group vertreten. Wahrscheinlich sind die auch alle Mitglieder in irgendeiner Scheiß Verwertungsgesellschaft.

Bruno, ist ja auch nicht so schlimm. Du bist ja selbst Mitglied der Gema. Daher bist du ja auch so qualifiziert, für die Piraten über das Urheberrecht und über Verwertungsgesellschaften zu sprechen: du kennst quasi das System von innen, aus erster Hand. Das hast du schön in deiner Kolumnen-Ankündigung beschrieben: wie du in den 80er Jahren von irgendeinem Musikverlag verarscht wurdest und wie du in der Folge darum gekämpft hast, deine Musik aus den Fängen der Gema und der Musikverlage zu befreien. Darum hat es mich schon gewundert, dass die wichtigsten Alben deiner Band „Das Ich“ (genauer „Morgue“ 1998, „Anti‘ Christ“ 2002, „Relikt“ 2003, „Lava“ 2004, „Cabaret“ 2006 und „Kannibale“ 2008) bei Banshee Publishing verlegt werden, welches eine Verlagsedition des Major-Verlags Universal Publishing ist. Bruno, warum bist du eigentlich bei einem Major-Verlag? Wenn du nachschauen magst: das kann man sogar in der Datenbank der ASCAP recherchieren.

Bruno, ich weiß, du hast es 1998 mit „Das Ich“ mal bei dem damaligen Major-Label Motor-Music versucht, aber irgendwie wollten die euch bald nicht mehr haben. Ich kann verstehen, dass man da sauer ist. Aber warum hast du nicht gleich einen großen Bogen um die ganze Musikindustrie gemacht? Naja, Bruno, ich wollte mir jedenfalls ein paar Stücke von „Das Ich“ anhören und dachte mir, bevor ich das auf deinem Label „Danse Macabre“ kaufe und damit indirekt die Contentmafia unterstütze, hole ich mir ein paar Tracks in einer Tauschbörse. Bruno, das ist gar nicht so einfach, musst du wissen. Die Torrents deiner Einzelalben haben alle keine Seeder mehr, ich musste dann schon einen 1,5 GB großen Torrent mit eurer gesamten Diskographie herunterladen, um mal einen Track hören zu können. Das hat trotz DSL-Leitung fast drei Stunden gedauert, weil es nur ein paar Die-Hart-Seeder gab.

Bruno, immerhin brauche ich jetzt kein Album mehr von dir auf deinem Label kaufen. Lieber fördere ich mit dem Torrent die Infrastruktur von Pirate Bay, die haben ja ganz viel Werbung um die Suchergebnisse geschaltet und müssen ja auch irgendwie ihre Serverkosten einspielen. Ich nehme an, dass ist auch in etwa das, was ihr Piraten euch unter privatem Filesharing vorstellt. Finde ich eine klasse Sache. Und Bruno, da du bei den Grünen ja nie so richtig einen Stich bekommen hast und jetzt total fame bist bei den Piraten: warum nutzt du nicht deine neu gewonnene Popularität für eine krasse Crowdfunding-Action oder verschenkst die Tracks deiner Band – weil dann gewinnst du das kostbarste Gut, dass es im Netz zu erlangen gibt, nämlich Aufmerksamkeit. Und dadurch gehen bestimmt auch automatisch die Verkäufe auf deinem Label wieder in die Höhe und es wird vielleicht ein paar mehr Seeder geben, damit das Saugen nicht noch einmal so lange dauert.

Dialog in Zeiten scheibenwischender ADHS-Kultur

Aus dem nichtlinearen, asynchronen Bewusstseinsstrom von Christopher Lauer während des Urheberrechtsdialogs der Piraten mit der Gema am 6. Juni 2012 (Video-Aufzeichnung ganz unten):

Okay, 2 Stunden mit den Bürokraten von der Gema diskutieren, hoffentlich halte ich das durch. Ritalin wirkt vielleicht noch für ne Dreiviertelstunde, mal sehen. Retweet:

Bruno hört sich ja auch immer gerne quatschen, naja… Jetzt dieser Gema-Typ über das Pro-Verfahren für Live-Veranstaltungen. Strahlt das jemand?

Gema-Typ: „Das Pro-Verfahren dient dazu zu ermitteln, wer bekommt was aus dem Topf. Und das Wort Topf ist hier das entscheidende: was wir im Moment haben, ist bei Veranstaltungen von einem Inkasso unter 700 Euro den reinen Sozialismus, wenn Sie so wollen…“

Ich hab da mal ne Idee. Jetzt textet aber erst mal die Gema-Tussi den ganzen Raum voll…

Gema-Tussi: „Es geht also nun darum, einen Bezug herzustellen zwischen Ausschüttung und dem Ertrag, den ein Werk oder eine Veranstaltung einspielt bei der Gema. Daran orientiert gibt es zwei verschiedene Arten der Grundabrechnung in INKA, die eine ist eine eher kollektive Abrechnung, die andere eine eher individuelle…“

Boah, ist das langweilig. Ah, was haben wir da, Schlömer im Zeitinterview! Retweet:

Okay, jetzt bin ich dran, jetzt werde ich die mal grillen. Die Gema ist doch voll der Fisch, wenn’s um digitale Technik geht – man hört ja immer, dass man da seine Livetracks immer noch per Hand in Papierbögen eintragen muss. Auf meinem IPhone habe ich ne App, die heißt Shazam und ich möchte gerne mal von den Gema-Leuten wissen, ob die so etwas überhaupt kennen und beabsichtigen, in absehbarer Zeit einzuführen.

Gema-Typ: „Diese technische Komponente war ja im Streit mit Youtube ein Thema, und Youtube hat offen gesagt, dass sie selber keine Programme zum Melodienerkennen haben, mit der Folge, dass sie den ganzen User-Generated-Content nicht auf Musik hin kontrollieren können. Was die Nutzung derartiger Verfahren angeht: ja, wir machen das, sobald das mit hinreichender Sicherheit funktioniert und wir schauen uns das routinemäßig an, wir haben jedes Jahr mindestens einen Anbieter da, mit dem wir auch eine längere Versuchs- und Testphase machen um zu evaluieren, was heraus kommt…“

Ich kann diesen Typen nicht ausstehen, dieses bürokratische Rumgelaber. Also wenn ich als Künstler bei der Gema wäre, würde ich mich durch diese Typen nicht vertreten lassen wollen. Die sollten vor allem mal mehr demokratische Strukturen schaffen, da können die sich was von uns abschauen.

Jetzt wieder die Gema-Tussi, ist hier wohl eher für die großen Zusammenhänge zuständig…

Gema-Tussi: „Ich möchte an dieser Stelle mal ganz grundsätzlich um Verständnis werben: alles was wir tun, an Präzision, an Ideallösungen, ist alles in unserem Sinne erstrebenswert. Auch wir würden gerne auch wir würden gerne ganz genau abrechnen, die kleinstteilige Einzelabrechnung ermöglichen, wir sind aber Treuhänderin der Gelder, die wir einnehmen…“

Ah, was meint denn Jan jetzt mit dieser Frage?

Oh Mann, der Gema-Typ schiebt inzwischen wieder seine Kassette rein…

Gema Typ: „Unabhängig davon ist der Gedanke, der dem zugrunde liegt der, dass die Gema und die Verwertungsgesellschaften verpflichtet sind, jeden, der Mitglied werden will, auch aufzunehmen…“

Ah, LSMüller zur Steuererklärung – Retweet:

Hihi, geiles Foto von Lotterleben – Retweet:

Smexy – Retweet:

Jau, Springer-Verlage erklären ihren Lesern, wie man alles im Netz kopiert, wollen aber das Leistungsschutzrecht einführen -Retweet:

Oweia, Stefan ist bei der DPA:

Wow wow, was ist das denn für ein geiler Tweet von Jim Carrey – Retweet:

Häh, wie kommt denn Robert darauf, das Manager-Magazin zu retweeten?

Könnte ein interessanter Artikel sein – Retweet:

Wo waren wir jetzt in der Diskussion? Für mich ist die Gema ja ein Auslaufmodell, ich bin da recht entspannt. Okay, das muss jetzt noch mal in die Diskussion rein, hab ich neulich schon im Interview mit der Debug gesagt: Warum gibt es eigentlich kein Gematube? Die Gema kann das doch selber aufziehen, ein Youtube für Musik, oder? Dann haben wir diese ganzen Probleme mit Youtube nicht mehr.

Gema-Typ: „Dazu müssen Sie die gesetzliche Lage berücksichtigen. Erstens als Treuhänder können wir so etwas wie Youtube nicht selber gründen, die finanziellen Risiken, wenn es kaputt geht, kostet die Gelder unserer Mitglieder. Und zweitens sind uns die Rechte nur zur Weitergabe an Dritte übertragen…“

Bla, bla, bla:

Hehe, Peter Glaser hat hier noch gefehlt – Retweet:

Moment mal, was ist denn da im Hauptausschuss los? – Retweet:

Auch interessant – Retweet:

Könnte ja für jemanden interessant sein – Retweet:

Is mir rille, hehe – Retweet:

Jetzt kommt der dritte Gematyp auch mal zu Wort, ziemlich unsympathischer Fettsack:

Der Gema-Tpy: „Die Bundesvereinigung der Musikveranstalter, die sehr heterogen ist, besteht aus dem DEHOGA, dem deutschen Hotel- und Gaststättenverband, besteht aus dem Hauptverband des deutschen Einzelhandels und aus dem deutschen Tanzlehrerverband, also eine sehr umtriebige Vermischung, ein Verband der Verbände, sah sich zuletzt 2010 nicht in der Lage, mit uns über einen konkreten Tarifvorschlag zu sprechen und zu verhandeln…“

Hihi, Betreuungsgeld für Hunde und Katzen – Retweet:

Auch nicht schlecht – Retweet:

Ah der André…

Moment, bevor hier die ganze Runde zu Ende geht, muss ich mal ein bisschen auf den Putz hauen, das ist ja alles viel zu nett hier, lasst mich das Ganze mal zusammenfassen:

Das ist mir wieder komplett egal, woran das gescheitert ist. Weil es am Ende des Tages auch niemanden wirklich interessiert, woran das gescheitert ist.

(…)

Das bringt nichts. Ich kann Ihnen nur sagen, politisch wird das so aussehen, dass natürlich auch die Piraten in Berlin alles in Bewegung setzen werden, dass solch eine Tarifreform nicht kommt. Wenn selbst schon der Gaststätten- und Hotelbetreiberverband DEHOGA irgendwie sagt, dass führt zu einem massiven Attraktivitätsverlust der Stadt Berlin, weil diese ganzen Clubs zumachen, dass führt dazu, dass es Einbußen gibt sowohl bei Hotels als auch bei diesen Clubs, und wir reden darüber als erwachsene Menschen, die alle mal irgendwie ein Studium absolviert haben oder es zumindest mal versucht haben, wir reden hier darüber auf der einen Seite, da sollen Rechte wahrgenommen werden, und wir reden dann darüber, dass hier eine Regelung getroffen werden soll, die genau das Gegenteil davon bewirkt, wofür Ihr Verein da ist, da muss ich sagen: soviel kognitive Dissonanz ertrage ich an der Stelle nicht mehr. Das soll keine Beleidigung sein – nochmal, es ist einfach so, ich weiß nicht, da muss jetzt vielleicht jemand anderes kommen und eine Verwertungsgesellschaft gründen, die dann ein attraktiveres Angebot an seine Mitglieder hat als die Gema, aber so kommt man an dieser Stelle nicht zusammen.

Ich hoffe, das hat gesessen. In diesem ganzen Gema-Scheiß haben wir eh keine Aktien drinne. Die C3S muss die Gema so schnell wie möglich am besten gleich ablösen, dann brauchen wir uns das Gesülze von diesen Gestrigen nicht mehr länger anhören.

(Alle Tweets von Christopher Lauer während des zweistündigen Gesprächs mit den Gema-Vertretern aus der Timeline von @Schmidtlepp entnommen)


Der Wolferl war ja auch nur ein Mashup-Künstler

Hey, heute schon fraggen gewesen? Am besten ein paar von diesen sogenannten Genies, die sich für was besseres halten. Elitäre Alphatiere, die auf ihr Publikum herab blicken und noch nie was vom Tod des Autors gehört haben. Die von der Originalität ihrer Werke faseln, aber in Wirklichkeit ihr „geistiges Eigentum“ copypasten, dass sich die Balken biegen. Auf den Schultern von Giganten, you know? Ja, mal ehrlich: scheiß Genies, shoot’m down!

Mozart zum Beispiel. Der war doch auch nur ein Mashup-Künstler. Der hat doch nicht komponiert, nennen wir es lieber adaptives Rekombinieren – ein bisserl akademischer Jargon hilft immer, um einem Gedanken mehr Gewicht zu verleihen. So nennt Jeanette Hofmann zumindest in der Juni-Ausgabe der WZB Mitteilungen den Entstehungsprozess von Mozarts Zauberflöte:

„So entstanden Kompositionen wie die „Zauberflöte“ durch eine Technik des adaptiven Rekombinierens. Alles in allem wurden 43 Melodien identifiziert, die das Genie geliehen hat: 33 bei sich selbst und immerhin 10 bei Kollegen.“

Wow wow wow, 33 mal hat er sich selbst beklaut, der Schlingel! Er hat also quasi auf seinen eigenen gigantischen Schultern gestanden. Und aus den restlichen 10 geklauten Melodien hat er dann 2 1/2 Stunden Oper adaptiv rekombiniert. Daraus lässt sich bei Jeanette Hofmann der Schluss ziehen, dass sich zu Mozarts Zeiten musikalische Werke noch im Fluss befanden, im ständigen Austausch mit dem Publikum standen und nicht als abgeschlossene Originalwerke einem Künstler zugeordnet werden konnten. Smexy!

Aber auch andere Akademiker sind auf Wardrives unterwegs, um nach ungesicherten Argumenten in offenen Gedankennetzwerken zu suchen, die sich dann für ihre Zwecke einsetzen lassen. Das Zauberflöten-Argument scheint der beliebteste Cheat im Bereich der Musik zu sein, um dem Genie mal so richtig in den Arsch treten zu können. So Felix Stalder in seinen „Neun Thesen zur Remix-Kultur„:

 „Es steht ausser Frage, Mozart war ein Ausnahmetalent von historischer Dimension. Aber sogar in diesem einzigartigen Werk lässt sich eine kaum zu überblickende Vielzahl von Bezügen und direkten Übernahmen feststellen. Alleine in einem einzigen Werk, der Zauberflöte, wurden mehrere Dutzend Stellen identifiziert, die aus anderen Werken stammen, sei es aus Mozarts eigenen oder aus Werken dritter (etwa Haydn oder Gluck, beides Zeitgenossen) (vgl. King 1950). Es ist zu vermuten, dass diese Bezüge für das damalige Publikum wesentlich offensichtlicher waren als für ein modernes und dass sie einen wesentlichen Aspekt seiner breiten Popularität ausmachten.“

Das liest man dann und baut es dankbar in seine Argumentationskette ein, wie zum Beispiel Rechtsanwalt Thomas Stadler in seiner Abfuhr auf den Begriff des geistigen Eigentums:

„Mozart gilt zu Recht als eines der größten und originärsten Genies der Musikgeschichte. Weniger bekannt ist, dass sein Werk – nach heutigem Verständnis – von Plagiaten durchsetzt ist. Denn Mozart hat sich gerne bei anderen Komponisten seiner Zeit bedient, was zu dieser Zeit auch nicht als anstößig galt. Das war ihm allerdings nur deshalb möglich, weil es noch kein Urheberrecht gab. Das Werk Mozarts könnte unter Geltung des heutigen Urheberrechts in seiner uns bekannten Form wohl überhaupt nicht mehr entstehen, weil es zu viele Urheberrechtsverletzungen beinhalten würde.“

Da habt ihr es, ihr Genie-Grützels: euer Wolferl hätte seine über 600 Kompositionen nie zusammenbohlen können unter dem bestehenden Urheberrecht. Tango Down: Mozart war auch nur ein Mashup-Künstler.

Wem hier Zweifel befallen, der muss sich ein wenig Mühe machen. Klassik hören. Sich mit der Musikgeschichte auseinander setzen. Das ist anstrengend. Zum Bespiel das Piano-Shoot-Out zwischen Muzio Clementi und Wolfgang Amadeus Mozart. Denn das ist der Ursprung des bekanntesten Zitats in Mozarts Zauberflöte: in der Ouvertüre erklingt ein Motif, das aus Clementis Klaviersonate B-Dur Op. 24 Nr. 2 bekannt war.

Clementi galt damals, was seine Piano-Skills angeht, als ein echter Pwner. Selbst Mozart war ihm unterlegen, so musste er sich bei dem Shoot-Out am Heiligabend 1781 am Hofe von Joseph II. etwas einfallen lassen, um nicht als Lappen den Saal zu verlassen. Clementi spielte die Klaviersonate, die Mozart hier zum ersten Mal hörte, und ein weiteres technisch extrem anspruchsvolles Stück, gegen das Mozart nicht anstinken konnte. Aber er war auf einem anderen Gebiet gespecct, wie man in diesem Film erfahren kann:

Mozart konterte Clementis technische Brillanz mit Gefühl und eleganter Kunstfertigkeit, trotzdem wurde der Piano-Battle vom König als ein Unentschieden gewertet, was an Mozart nagte. Das Anfangsmotif aus Clementis Sonate wurde in der Zwischenzeit zum Lauschgift und in vielen Werken zitiert, wie z. B. in Leopold Kozeluchs Piano Trio in C-Dur oder in Johann Heinrich Collos Singspiel „Lazarus Auferstehung“. Mozart hatte Clementi in Briefen an seinen Vater gedisst, ihn als Scharlatan bezeichnet, also musste es ihn fuchsen, dass eben dieses Stück so populär wurde. Wollte Mozart Clementi nur einfach Props geben, als er ihn in der Zauberflöte zitierte? Oder wollte er allen zeigen, wie raffiniert und überlegen er mit dem simplen Motif umgehen und welche Kunst bei ihm aus dieser einfachen musikalischen Zelle entstehen konnte? Die Musikgeschichte hat jedenfalls entschieden, wer hier der Leet ist:

Die Zauberflöte gilt als ein großes Rätsel voller versteckter Anspielungen, über das sich Musiknerds noch heute die Köpfe zerbrechen. Ein solch komplexes Werk kann schon per Definition nicht ein Vorläufer des Remixes oder Mashups sein – es sei denn, wir weiten den sprachlichen Gebrauch der Begriffe Remix und Mashup soweit aus, dass damit gleich unsere ganze Kultur gemeint ist. Dadurch verlieren die Begriffe aber ihre analytische Schärfe. Vielleicht sollten sich Jeannette Hofmann und Felix Stalder mal diese Überlegungen von Eduardo Navas zu Gemüte führen und dann ihre Begriffe noch mal neu mashen.

Aber „Ausnahmetalente“ stören in einer antihierarchischen Welt des Imitierens und Kopierens, in der jeder an der Kultur teilhaben kann, die Grenzen zwischen dem Autor und dem Rezipienten zerfließen und alle in einer großen peer production großartige Kunst erzeugen. Der Geniekult ist eine elitäre Anmassung, mit einem bourgeoisen Schoßhündchen namens „Geistiges Eigentum“ und dem Dandy-Stock Urheberrecht, mit dem auf das demokratische Kulturschaffen der Massen eingeprügelt wird. Es gilt, dem Genie die Maske vom Gesicht zu reißen und seinen verlogenen Charakter offen zu legen: auch er ist jemand, der kopiert und imitiert und seine von autoritätshörigen Gläubigen goutierten Werke aus fremden Quellen schöpft.

Achso: für Jeanette Hofmann wurde übrigens Googles grüner Kunstrasen ausgerollt als eine der Direktorinnen des neuen „Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft„, das großzügig von Google mit 4,5 Millionen Euro bedacht wurde. In ihrem Aufsatz ist sie sich nicht für die Forderung zu schade, das Urheberrecht doch zu Gunsten von Google Books abzuändern. Diese ganze bürgerliche Scheiße mit Genies, Autoren, Werken und Originalen steht Google nämlich im Wege bei der Monetarisierung von deren Inhalten. Wenn man ein paar Akademiker auf seiner Lohnliste hat, die nur fleißig immer wiederholen, dass selbst Mozart sein Werk aus fremden Inhalten geremixt hat, dann glaubt irgendwann jedes Kind, dass wir alle nichts weiter als Filter sind, durch die die Informationen perlen, die wir für Google und die anderen Internet-Giganten fleißig adaptiv rekombinieren, auf dass deren Geldflüsse nie versiegen mögen.