Der Wolferl war ja auch nur ein Mashup-Künstler

von dermusikpartisane

Hey, heute schon fraggen gewesen? Am besten ein paar von diesen sogenannten Genies, die sich für was besseres halten. Elitäre Alphatiere, die auf ihr Publikum herab blicken und noch nie was vom Tod des Autors gehört haben. Die von der Originalität ihrer Werke faseln, aber in Wirklichkeit ihr „geistiges Eigentum“ copypasten, dass sich die Balken biegen. Auf den Schultern von Giganten, you know? Ja, mal ehrlich: scheiß Genies, shoot’m down!

Mozart zum Beispiel. Der war doch auch nur ein Mashup-Künstler. Der hat doch nicht komponiert, nennen wir es lieber adaptives Rekombinieren – ein bisserl akademischer Jargon hilft immer, um einem Gedanken mehr Gewicht zu verleihen. So nennt Jeanette Hofmann zumindest in der Juni-Ausgabe der WZB Mitteilungen den Entstehungsprozess von Mozarts Zauberflöte:

„So entstanden Kompositionen wie die „Zauberflöte“ durch eine Technik des adaptiven Rekombinierens. Alles in allem wurden 43 Melodien identifiziert, die das Genie geliehen hat: 33 bei sich selbst und immerhin 10 bei Kollegen.“

Wow wow wow, 33 mal hat er sich selbst beklaut, der Schlingel! Er hat also quasi auf seinen eigenen gigantischen Schultern gestanden. Und aus den restlichen 10 geklauten Melodien hat er dann 2 1/2 Stunden Oper adaptiv rekombiniert. Daraus lässt sich bei Jeanette Hofmann der Schluss ziehen, dass sich zu Mozarts Zeiten musikalische Werke noch im Fluss befanden, im ständigen Austausch mit dem Publikum standen und nicht als abgeschlossene Originalwerke einem Künstler zugeordnet werden konnten. Smexy!

Aber auch andere Akademiker sind auf Wardrives unterwegs, um nach ungesicherten Argumenten in offenen Gedankennetzwerken zu suchen, die sich dann für ihre Zwecke einsetzen lassen. Das Zauberflöten-Argument scheint der beliebteste Cheat im Bereich der Musik zu sein, um dem Genie mal so richtig in den Arsch treten zu können. So Felix Stalder in seinen „Neun Thesen zur Remix-Kultur„:

 „Es steht ausser Frage, Mozart war ein Ausnahmetalent von historischer Dimension. Aber sogar in diesem einzigartigen Werk lässt sich eine kaum zu überblickende Vielzahl von Bezügen und direkten Übernahmen feststellen. Alleine in einem einzigen Werk, der Zauberflöte, wurden mehrere Dutzend Stellen identifiziert, die aus anderen Werken stammen, sei es aus Mozarts eigenen oder aus Werken dritter (etwa Haydn oder Gluck, beides Zeitgenossen) (vgl. King 1950). Es ist zu vermuten, dass diese Bezüge für das damalige Publikum wesentlich offensichtlicher waren als für ein modernes und dass sie einen wesentlichen Aspekt seiner breiten Popularität ausmachten.“

Das liest man dann und baut es dankbar in seine Argumentationskette ein, wie zum Beispiel Rechtsanwalt Thomas Stadler in seiner Abfuhr auf den Begriff des geistigen Eigentums:

„Mozart gilt zu Recht als eines der größten und originärsten Genies der Musikgeschichte. Weniger bekannt ist, dass sein Werk – nach heutigem Verständnis – von Plagiaten durchsetzt ist. Denn Mozart hat sich gerne bei anderen Komponisten seiner Zeit bedient, was zu dieser Zeit auch nicht als anstößig galt. Das war ihm allerdings nur deshalb möglich, weil es noch kein Urheberrecht gab. Das Werk Mozarts könnte unter Geltung des heutigen Urheberrechts in seiner uns bekannten Form wohl überhaupt nicht mehr entstehen, weil es zu viele Urheberrechtsverletzungen beinhalten würde.“

Da habt ihr es, ihr Genie-Grützels: euer Wolferl hätte seine über 600 Kompositionen nie zusammenbohlen können unter dem bestehenden Urheberrecht. Tango Down: Mozart war auch nur ein Mashup-Künstler.

Wem hier Zweifel befallen, der muss sich ein wenig Mühe machen. Klassik hören. Sich mit der Musikgeschichte auseinander setzen. Das ist anstrengend. Zum Bespiel das Piano-Shoot-Out zwischen Muzio Clementi und Wolfgang Amadeus Mozart. Denn das ist der Ursprung des bekanntesten Zitats in Mozarts Zauberflöte: in der Ouvertüre erklingt ein Motif, das aus Clementis Klaviersonate B-Dur Op. 24 Nr. 2 bekannt war.

Clementi galt damals, was seine Piano-Skills angeht, als ein echter Pwner. Selbst Mozart war ihm unterlegen, so musste er sich bei dem Shoot-Out am Heiligabend 1781 am Hofe von Joseph II. etwas einfallen lassen, um nicht als Lappen den Saal zu verlassen. Clementi spielte die Klaviersonate, die Mozart hier zum ersten Mal hörte, und ein weiteres technisch extrem anspruchsvolles Stück, gegen das Mozart nicht anstinken konnte. Aber er war auf einem anderen Gebiet gespecct, wie man in diesem Film erfahren kann:

Mozart konterte Clementis technische Brillanz mit Gefühl und eleganter Kunstfertigkeit, trotzdem wurde der Piano-Battle vom König als ein Unentschieden gewertet, was an Mozart nagte. Das Anfangsmotif aus Clementis Sonate wurde in der Zwischenzeit zum Lauschgift und in vielen Werken zitiert, wie z. B. in Leopold Kozeluchs Piano Trio in C-Dur oder in Johann Heinrich Collos Singspiel „Lazarus Auferstehung“. Mozart hatte Clementi in Briefen an seinen Vater gedisst, ihn als Scharlatan bezeichnet, also musste es ihn fuchsen, dass eben dieses Stück so populär wurde. Wollte Mozart Clementi nur einfach Props geben, als er ihn in der Zauberflöte zitierte? Oder wollte er allen zeigen, wie raffiniert und überlegen er mit dem simplen Motif umgehen und welche Kunst bei ihm aus dieser einfachen musikalischen Zelle entstehen konnte? Die Musikgeschichte hat jedenfalls entschieden, wer hier der Leet ist:

Die Zauberflöte gilt als ein großes Rätsel voller versteckter Anspielungen, über das sich Musiknerds noch heute die Köpfe zerbrechen. Ein solch komplexes Werk kann schon per Definition nicht ein Vorläufer des Remixes oder Mashups sein – es sei denn, wir weiten den sprachlichen Gebrauch der Begriffe Remix und Mashup soweit aus, dass damit gleich unsere ganze Kultur gemeint ist. Dadurch verlieren die Begriffe aber ihre analytische Schärfe. Vielleicht sollten sich Jeannette Hofmann und Felix Stalder mal diese Überlegungen von Eduardo Navas zu Gemüte führen und dann ihre Begriffe noch mal neu mashen.

Aber „Ausnahmetalente“ stören in einer antihierarchischen Welt des Imitierens und Kopierens, in der jeder an der Kultur teilhaben kann, die Grenzen zwischen dem Autor und dem Rezipienten zerfließen und alle in einer großen peer production großartige Kunst erzeugen. Der Geniekult ist eine elitäre Anmassung, mit einem bourgeoisen Schoßhündchen namens „Geistiges Eigentum“ und dem Dandy-Stock Urheberrecht, mit dem auf das demokratische Kulturschaffen der Massen eingeprügelt wird. Es gilt, dem Genie die Maske vom Gesicht zu reißen und seinen verlogenen Charakter offen zu legen: auch er ist jemand, der kopiert und imitiert und seine von autoritätshörigen Gläubigen goutierten Werke aus fremden Quellen schöpft.

Achso: für Jeanette Hofmann wurde übrigens Googles grüner Kunstrasen ausgerollt als eine der Direktorinnen des neuen „Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft„, das großzügig von Google mit 4,5 Millionen Euro bedacht wurde. In ihrem Aufsatz ist sie sich nicht für die Forderung zu schade, das Urheberrecht doch zu Gunsten von Google Books abzuändern. Diese ganze bürgerliche Scheiße mit Genies, Autoren, Werken und Originalen steht Google nämlich im Wege bei der Monetarisierung von deren Inhalten. Wenn man ein paar Akademiker auf seiner Lohnliste hat, die nur fleißig immer wiederholen, dass selbst Mozart sein Werk aus fremden Inhalten geremixt hat, dann glaubt irgendwann jedes Kind, dass wir alle nichts weiter als Filter sind, durch die die Informationen perlen, die wir für Google und die anderen Internet-Giganten fleißig adaptiv rekombinieren, auf dass deren Geldflüsse nie versiegen mögen.