Mit Jeanny Google Hofmann zu den Wurzeln einer Kunstrasenbewegung

von dermusikpartisane

Muss ich hier noch irgendjemanden erklären, was Astroturfing ist? Für alle Honks, die es noch nicht kapiert haben: ein Kunstrasen wird von großen Firmen oder politischen Organisationen ausgelegt, um eine Graswurzelbewegung vorzutäuschen, die sich auf wundersame Weise für die Interessen der Auftraggeber einsetzt. Dieser Kunstrasen kann verschiedene Formen annehmen: als 50-Cent-Partei gekaufter Kommentatoren, als geturfte Leserbriefschreiber und Blogger, oder aber als akademische Avantgarde, der Forschungsbudgets oder gleich ein ganzes Institut zur Hand gegeben wird, um Studien zu finanzieren, die gewissen Unternehmen Argumentationsmaterial liefern. Unternehmen wie Google zum Beispiel. Google finanziert das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin über drei Jahre mit 4,5 Millionen Euro. Laut den Aussagen einer der Direktorinnen, Jeanette Hofmann, ist in Zusammenarbeit mit dem Berkman-Center an der US-Universität Harvard ein internationales Netzwerk von Internet­-Forschungs­instituten geplant, das im Dezember mit einer ersten Konferenz starten soll. Wait, wait, das Berkman-Center kennen wir doch irgendwo her. Steht das nicht auch auf der langen Liste bezahlter Institutionen und Einzelpersonen, die durch Google mit Dollars zugeschissen werden? 255.000 Dollar sollen im Jahr 2010 und 700.000 Dollar im Jahr 2011 geflossen sein – nicht gerade viel für ein Institut,  dessen Akademiker sich für eine Aufweichung des Urheberrechts einsetzen und wenig Interesse an Fragen zur Privatsphäre im digitalen Raum haben – zwei für Googles Geschäftsmodell zentrale Themen. Ein Teil des Geldes fließt übrigens in die Webseite Chilling Effects, auf der berechtigte Anfragen von Rechteinhabern gegenüber Google, unautorisierte Download-Seiten aus den Suchergebnissen zu entfernen, als eine Bedrohung für die Redefreiheit präsentiert werden.

Aber was soll das ganze Mimimi: Lobbying gab es schon immer und sein zweiter Vorname ist Politik. Das feine Handwerk des Kunstrasenauslegens besteht darin, ein Agenda-Setting der subtilen Art stattfinden zu lassen. Google schwärmt in blumigen Worten von Alexander von Humboldt und sagt, was es sich von den Forschern in Berlin verspricht:

Als Teil des Internets interessiert sich Google sehr für diese neuen Formen der Zusammenarbeit. Deshalb möchten wir die Interaktion zwischen Internet, Wissenschaft und Gesellschaft besser verstehen. Wir benötigen dazu die Hilfe von wissenschaftlichen Experten, die uns mit ihren Methoden und ihrem Wissen bei der Analyse und der Suche nach Lösungen unterstützen.

Schaut man auf die Forschungsschwerpunkte, fallen die deutlichen Übereinstimmungen mit Googles Geschäftsinteressen auf: „Open Science“ und „Crowd Sourcing“, die Kommunikation in sozialen Netzwerken, der Einzug von Algorithmen in den Journalismus oder etwa bei Jeanette Hofmann die innovationsbremsende Wirkung von Urheberrechten, zu der es ihrer Meinung nach an empirischer Forschung mangelt. Man muss dazu wissen, dass Jeanette Hofmann durchaus eine moderate Kritikerin des Google-Books-Settlements war (etwa hier oder hier). Umarme deine Kritiker, und irgendwann fressen sie dir aus der Hand.

Was denkt also Jeanette Hofmann über das Urheberrecht? Krönungsbedürftig ist ein langes Interview, dass sie gemeinsam mit einem weiteren Schoßhündchen Googles, Matthias Spielkamp, dem Journalisten Philip Banse in der Sendung Breitband von Deutschlandradio Kultur gab. Banse selber hatte noch im letzten Jahr zu Recht die Versäumnisse der deutschen Hochschulen im Bereich der Internet-Forschung kritisiert und dabei auch harsche Worte für die Forscher am Google-Institut gefunden:

Nie wird Google irgendwas unterdrücken wollen – das passiert von ganz alleine, weil sich die Forscher fragen werden, wie sehr sie den Geldstrom gefährden wollen, der sie komplett finanziert: Ist wirklich nötig, Google schon im Titel der Studie anzugreifen? Kritisieren, klar das machen wir, aber reicht´s nicht vielleicht auch im letzten Kapitel? Und das Fatale ist: Selbst, wenn es den Wissenschaftlern gelingt, sich so zu entscheiden, als wäre es nicht ihr Geldgeber, den sie anpinklen: Den Verdacht der Befangenheit werden sie nicht los.

Schleierhaft ist, warum Banse so handzahm im Gespräch mit den beiden Google-Verstehern daher kommt und sich zum Stichwortgeber für deren Thesen degradiert. Jeanny Google Hofmann ist immerhin Dauergast in der Sendung und ihr Institut auch Medienpartner von Diskurs@Dradio, aber man will ja nix sagen… Also Popcorn raus und Video an für ein paar Zaubertricks der bezaubernden Jeanny:

Der erste Anspieltipp des Musikpartisanen ist bei 14:18 min. O-Ton Jeanny Google Hofmann:

„Es ist gar nicht ganz klar, ob es das Urheberrecht tatsächlich braucht. Wenn ich keine Rechte an meinem Werk hätte und ich würde jetzt zu einem Verleger gehen und sagen: hier ist mein schönes Manuskript, willst du es drucken, dafür möchte ich aber dann gerne etwas Geld sehen? Dann würde ein einfacher Vertrag vermutlich genau das erreichen, was das Urheberrecht auch intendiert.“

Wow wow, ich dachte immer, die Künstler sollen im Netz ihre Werke umsonst anbieten, damit sie mit Hilfe von Google gefunden werden und in der dann einsetzenden Aufmerksamkeitsspirale zu grenzenlosen Geldflüssen gelangen. Aber die zauberhafte Jeanny hat da ein ganz anderes Konzept: als Künstler wäre man ja so klug, sein Werk nicht im Internet zu verbreiten, bevor man ein Tauschgeschäft mit dem Verwerter eingeht. Der kann dann in der Folge damit machen was er will. Das Urheberrecht brauchen wir da gar nicht. [Augenblinzeln und Verschränk-die-Arme-Geste plus magisches Pling-Geräusch]

Der zweite Anspieltipp beginnt bei 17:20 min., dort antwortet sie auf die Frage, warum die Gesellschaft ein Recht auf die Werke von Künstlern habe:

„Da gibt es verschiedene Begründungen. Eine Begründung ist sicherlich, dass alle kulturellen Werke kumulativ sind. Dass heißt, Künstler starten nicht bei null, sondern die beziehen sich immer auf das, was vorher schon geschaffen worden ist. Und damit stellt sich dann die Frage: wie zugänglich eigentlich unser kulturelles Erbe ist. Und je stärker es geschützt ist und Ausschließlichkeitsrechte den Zugang erschweren, desto schwieriger ist es natürlich auch, Neues zu schaffen. Insofern hat die Gesellschaft ein Interesse daran, dass kulturelle Werke zugänglich sind, damit sie auch lernen kann und weiter Neues schaffen kann.“

Postmoderne, ick hör dir trapsen. Wir Künstler praktizieren ja eigentlich nichts anderes als ein adaptives Rekombinieren von kulturellen Fragmenten. Wie können wir es wagen, der Gesellschaft etwas vorzuenthalten, was wir uns aus dem kulturellen Erbe eben dieser Gesellschaft bereits mutwillig entnommen haben? Wenn wir als Urheber den Zugang zu unseren Werken erschweren, dann sind wir die allermiesesten Innovationsbremsen, weil ja auch die nachfolgende Generation unsere Werke kumulativ rekombinieren möchte. Also weg mit den Schutzfristen, am besten auch gleich mit den Preisschildern an unseren Werken, denn die erschweren den Zugang noch am meisten – in the name of Interessenausgleich!  [Augenblinzeln und Verschränk-die-Arme-Geste plus magisches Pling-Geräusch zum Zweiten]

Und das ist das Herz dieser Kunstrasenbewegung: konstruiere einen dringend notwendigen Bedarf an einem Interessenausgleich zwischen Urhebern und Gesellschaft. Forsche und publiziere, um diesen Interessenkonflikt akademisch zu unterfüttern. Trage die Ergebnisse in die öffentliche Diskussion. Warte, wie sich die gesellschaftliche Meinung ändert. Das ist die sonnengewandte Seite des Kunstrasens. Ersetzte in der Gleichung den Begriff Gesellschaft durch Google, und du erkennst, welches die Wurzel der Kunstrasenbewegung ist.